Konservierungsstoffe in Lebensmitteln finden sich nahezu überall: in Limonaden, verpackten Snacks, Wurstwaren und zahllosen weiteren Grundnahrungsmitteln der modernen Ernährung. Seit Jahren diskutiert die Wissenschaft, ob diese Zusatzstoffe bloss praktische Helfer sind oder ob manche von ihnen verborgene Gesundheitsrisiken bergen.
Eine grosse neue Beobachtungsstudie zeigt nun, dass die Antwort komplexer ist als ein schlichtes Ja oder Nein.
Das Forschungsteam stellte fest, dass eine höhere Aufnahme weniger bestimmter Konservierungsstoffe mit einem geringfügig erhöhten Krebsrisiko verbunden war. Für Konservierungsstoffe insgesamt zeigte sich hingegen kein Zusammenhang.
Auf Grundlage detaillierter Ernährungsdaten über einen langen Zeitraum kommt ein Team der Sorbonne-Universität zum Schluss, dass die Verwendung und Regulierung einzelner Zusatzstoffe genauer geprüft werden sollte. Zugleich seien weitere Studien nötig, um die Ursachen des beobachteten Zusammenhangs zu klären.
Wissenschaft und Konservierungsstoffe in Lebensmitteln
Verpackten Lebensmitteln werden Konservierungsstoffe zugesetzt, damit sie länger haltbar bleiben. Sie können das Wachstum von Mikroorganismen verhindern oder chemische Veränderungen verlangsamen, durch die Lebensmittel verderben. Der Nutzen für die öffentliche Gesundheit liegt auf der Hand: längere Haltbarkeit, weniger Verluste und niedrigere Kosten.
Gleichzeitig gibt es seit Langem Bedenken. Einige experimentelle Untersuchungen deuten darauf hin, dass bestimmte Konservierungsstoffe Zellen oder DNA schädigen könnten.
Aussagekräftige Belege beim Menschen waren dennoch begrenzt. Ein Grund dafür ist, dass sich die tatsächliche Exposition im Alltag über lange Zeiträume nur schwer präzise erfassen lässt.
Mit besonders detaillierten Ernährungsprotokollen, die mit Datenbanken zu Lebensmittelprodukten verknüpft wurden, und einer langjährigen Beobachtung gesundheitlicher Folgen sollte diese Studie die Evidenz verbessern.
Ernährungsgewohnheiten über Jahre verfolgt
In die Auswertung flossen Daten von 105,260 Personen ab 15 Jahren ein; das durchschnittliche Alter betrug 42 Jahre. Rund 79 Prozent der Teilnehmenden waren Frauen.
Zu Studienbeginn war keine der eingeschlossenen Personen an Krebs erkrankt. Sie führten wiederholt 24-Stunden-Ernährungsprotokolle mit markenspezifischen Angaben; die mittlere Nachbeobachtungszeit lag bei 7.5 Jahren.
Krebsfälle ermittelten die Forschenden anhand von Gesundheitsfragebögen sowie offiziellen medizinischen Unterlagen und Sterberegistern. Diagnosen wurden bis zum 31. Dezember 2023 nachverfolgt.
Während dieses Zeitraums erkrankten 4,226 Teilnehmende an Krebs. Darunter waren 1,208 Brustkrebserkrankungen, 508 Prostatakrebserkrankungen, 352 kolorektale Krebserkrankungen und 2,158 weitere Krebsfälle.
Das Team untersuchte 17 einzelne Konservierungsstoffe. Dazu zählten Zitronensäure, Lecithine, Sulfite insgesamt, Ascorbinsäure, Natriumnitrit, Kaliumsorbat, Natriumerythorbat, Natriumascorbat, Kaliummetabisulfit und Kaliumnitrat.
Zusätzlich ordneten die Forschenden Konservierungsstoffe zwei Kategorien zu. Die erste umfasste nicht antioxidative Stoffe, die vor allem mikrobielles Wachstum hemmen oder verderbsbedingte Reaktionen verlangsamen.
Die zweite Kategorie bestand aus antioxidativen Konservierungsstoffen, welche die Verschlechterung der Lebensmittel durch die Begrenzung sauerstoffbezogener Prozesse verzögern.
Welche Konservierungsstoffe in Lebensmitteln relevant waren
Die zentrale Aussage lautet nicht: „Konservierungsstoffe verursachen Krebs.“ Das Muster war deutlich spezifischer. Von den 17 einzeln untersuchten Konservierungsstoffen standen 11 mit der Krebsinzidenz in keinem Zusammenhang.
Auch für die gesamte Aufnahme von Konservierungsstoffen fanden die Forschenden keinen Zusammenhang mit der Krebsinzidenz.
Ein Signal zeigte sich jedoch bei einer höheren Aufnahme mehrerer Konservierungsstoffe, von denen die meisten zur Gruppe der nicht antioxidativen Stoffe gehörten.
Im Vergleich zu Personen, die diese Stoffe nicht oder weniger konsumierten, wiesen Personen mit höherem Konsum bestimmter Verbindungen bei einigen Krebsarten höhere Raten auf.
Konservierungsstoffe in Lebensmitteln mit Zusammenhang zum Krebsrisiko
Eine der deutlicheren Verbindungen betraf Sorbate. Sorbate insgesamt, insbesondere Kaliumsorbat, gingen mit einem um 14 Prozent höheren Risiko für Krebs insgesamt sowie einem um 26 Prozent höheren Brustkrebsrisiko einher.
Auch Sulfite fielen auf. Sulfite insgesamt waren mit einem um 12 Prozent erhöhten Risiko für Krebs insgesamt verbunden.
Beim Prostatakrebs stand Natriumnitrit mit einem um 32 Prozent erhöhten Risiko in Zusammenhang. Kaliumnitrat war mit einem um 13 Prozent erhöhten Risiko für Krebs insgesamt und einem um 22 Prozent erhöhten Brustkrebsrisiko verknüpft.
Auch Acetate wurden erfasst. Acetate insgesamt waren mit einem um 15 Prozent erhöhten Risiko für Krebs insgesamt und einem um 25 Prozent erhöhten Brustkrebsrisiko verbunden. Essigsäure allein ging mit einem um 12 Prozent höheren Risiko für Krebs insgesamt einher.
Bei antioxidativen Konservierungsstoffen waren weniger Signale erkennbar. Laut den Forschenden standen nur Erythorbate insgesamt und Natriumerythorbat mit einer höheren Krebsinzidenz in Verbindung.
Dabei handelt es sich um relative Erhöhungen, die in der Studie als geringfügig beschrieben werden. Die Autorinnen und Autoren halten sie dennoch für ausreichend bedeutsam, um eine genauere Prüfung zu rechtfertigen, da Menschen bei stark verarbeiteter Ernährung diesen Stoffen häufig ausgesetzt sind.
Biologische Hinweise, keine Schlussfolgerungen
Die Forschenden weisen darauf hin, dass mehrere in der Analyse auffällige Verbindungen in anderen Zusammenhängen mit Veränderungen bei Immun- und Entzündungswegen verknüpft wurden. Solche Veränderungen könnten theoretisch Bedingungen schaffen, die die Krebsentstehung begünstigen.
Einen biologischen Mechanismus belegt die Studie jedoch nicht. Sie liefert vielmehr eine plausible Richtung für künftige Forschung als einen endgültigen Nachweis.
Zudem merken die Autorinnen und Autoren an, dass ihre Ergebnisse mit experimentellen Befunden übereinstimmen, die bei einigen dieser Verbindungen krebsbezogene Effekte nahelegen.
Bedeutung für Gesundheitsbehörden
Ebenso wichtig ist, was die Studie nicht leisten kann. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, zeigt sie statistische Zusammenhänge auf, prüft Ursache und Wirkung jedoch nicht unmittelbar.
Die Forschenden räumen ein, dass trotz der detaillierten Ernährungsbeobachtung über viele Jahre nicht erfasste Faktoren die Ergebnisse weiterhin beeinflusst haben könnten.
Dennoch heben sie Stärken der Arbeit hervor, die eine vorschnelle Zurückweisung erschweren: eine grosse Stichprobe, langfristige Ernährungsdaten und die Verknüpfung mit Datenbanken zur Lebensmittelzusammensetzung.
„Diese Studie liefert neue Erkenntnisse für die künftige Neubewertung der Sicherheit dieser Lebensmittelzusatzstoffe durch Gesundheitsbehörden, wobei das Verhältnis von Nutzen und Risiko im Hinblick auf Lebensmittelkonservierung und Krebs berücksichtigt wird“, erklärten die Autorinnen und Autoren.
Wie sich Ernährungsempfehlungen verändern könnten
Die Autorinnen und Autoren fordern Hersteller dazu auf, auf unnötige Konservierungsstoffe zu verzichten. Zudem unterstützen sie Empfehlungen, nach Möglichkeit frisch zubereitete und wenig verarbeitete Lebensmittel zu wählen.
Ein begleitender Leitartikel von Forschenden aus den USA nimmt eine stärker abwägende Position ein. Konservierungsstoffe können Lebensmittelverschwendung reduzieren und Kosten senken, was insbesondere für Menschen mit niedrigerem Einkommen von grosser Bedeutung sein kann.
Zugleich argumentieren sie, dass die breite Verwendung, eine begrenzte Überwachung und die Unsicherheit über Langzeitfolgen einen ausgewogeneren Regulierungsansatz erfordern.
Nach Ansicht des Teams könnten Ergebnisse wie diese Behörden dazu bewegen, bestehende Vorschriften erneut zu prüfen. Dazu könnten strengere Grenzwerte, klarere Kennzeichnungen und weitergehende Offenlegungspflichten zählen.
Die Forschenden verweisen zudem auf internationale Überwachungsprogramme, ähnlich jenen, die bereits für Transfette und Natrium eingesetzt werden.
„Die Empfehlungen für die öffentliche Gesundheit sind bereits eindeutiger, wenn es um die Verringerung des Konsums von verarbeitetem Fleisch und Alkohol geht, und bieten umsetzbare Schritte, auch wenn sich die Evidenz zu den krebserregenden Wirkungen von Konservierungsstoffen weiterentwickelt“, schlossen die Expertinnen und Experten.






Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen