Hinter den Eierkartons steckt jedoch eine deutlich komplexere Wirklichkeit.
Seit Jahren werben zahlreiche Supermärkte mit Tierwohl und verantwortungsbewusstem Einkauf. Ein aktueller Blick in die Regale zeichnet allerdings ein anderes Bild: Trotz weitreichender Ankündigungen zum Ende der Käfighaltung werden weiterhin grosse Mengen an Eiern verkauft, deren Hennen ihr Leben auf sehr engem Raum in Käfigen verbringen.
Gebrochene Versprechen? Das zeigt die neue Untersuchung
Die Tierschutzorganisation Anima und das Datenkollektiv Data for Good besuchten im Jänner 2026 insgesamt 386 französische Supermärkte und Hypermärkte. Sie wollten überprüfen, ob die grossen Handelsketten ihre Zusage erfüllen, keine Käfigeier mehr anzubieten.
Das Ergebnis: In 73 Prozent der untersuchten Filialen lag mindestens eine Packung Eier aus Käfighaltung im Regal.
Der Anteil an Supermärkten mit Käfigeiern bleibt damit unerwartet hoch. Fast alle grossen Ketten hatten sich bereits vor Jahren dazu verpflichtet, ab Jahresbeginn 2026 vollständig auf Eier aus Käfighaltung zu verzichten – auch bei ihren Eigenmarken.
In der Praxis ist die Lage offenbar weniger eindeutig. Die Erhebung zeigt erhebliche Unterschiede zwischen den Handelsketten:
- Nur rund 3,6 % der Monoprix-Filialen hatten weiterhin Käfigeier im Sortiment.
- Bei Carrefour und E.Leclerc fanden sich in mehr als 80 % der Märkte Käfigeier.
- Bei Système U, Auchan und Lidl lag der Anteil sogar über 90 %.
Für Konsumentinnen und Konsumenten ergibt sich daraus ein widersprüchliches Bild: Wer die Werbekampagnen kennt, würde andere Werte erwarten. Die Untersuchung verdeutlicht, wie weit Ankündigungen und die Realität im Verkauf noch auseinanderliegen.
Von 51 auf 14 Prozent: Der lange Ausstieg aus dem Käfig
Ungeachtet der Kritik hat sich der Markt in den vergangenen Jahren merklich verändert. Das französische Forschungsinstitut Itavi beziffert den Anteil der Käfigeier im Lebensmitteleinzelhandel wie folgt:
| Jahr | Anteil der Käfigeier im Handel |
|---|---|
| 2016 | 51 % |
| 2025 | 14 % |
Mit 14 Prozent wurde ein historischer Tiefststand erreicht, doch Käfighaltung ist damit keineswegs verschwunden. Wie langsam sich die Tierhaltung verändert, zeigt vor allem der Anteil der Käfigplätze: Nach Angaben der Branche ging der Anteil der Hennen in Käfigen von etwa 67 % des Bestands im Jahr 2016 auf heute ungefähr ein Viertel zurück.
Die Branche strebt ab 2030 eine Produktion von rund 90 % ohne Käfige an. Bis dahin bleibt eine Übergangsphase, in der Handel, Landwirtinnen und Landwirte sowie die Politik häufig unter erheblichem Zeitdruck entscheiden müssen.
Supermärkte unter Druck: Tierwohl oder Preisfrage
Weshalb liegen noch Käfigeier in den Regalen, obwohl die meisten Ketten ihren Ausstieg erklärt haben? Mehrere Handelsunternehmen verweisen auf Nachfrage auf Engpässe in der Lieferkette. Die Nachfrage nach Eiern aus Bodenhaltung, Freilandhaltung und Biohaltung sei schneller gestiegen als die verfügbaren Produktionskapazitäten.
Die Produktion ohne Käfig kommt nicht in allen Regionen im gleichen Tempo voran, während der Eierkonsum stabil hoch bleibt.
Nach Branchenangaben betrug der Pro-Kopf-Verbrauch in Frankreich 2025 etwa 237 Eier pro Jahr. Darin enthalten sind sowohl frische Schaleneier als auch verarbeitete Eier in Lebensmitteln.
Damit geraten Supermärkte zwischen zwei gegensätzliche Erwartungen: Einerseits steigt der gesellschaftliche Druck für mehr Tierwohl. Andererseits wünschen sich viele Kundinnen und Kunden niedrige Preise, insbesondere weil Lebensmittel insgesamt teurer geworden sind. Käfigeier sind im Regal meist weiterhin die günstigste Wahl.
Frankreich, Polen, kein Ukraine-Ei: Die Herkunft der Käfigeier
Ein aufschlussreiches Ergebnis der Untersuchung betrifft die Herkunft der Käfigeier. In 95 % der Fälle kamen die vorgefundenen Käfigeier aus französischer Produktion. Eine grosse Kette sticht jedoch heraus: Lidl verkaufte regelmässig Käfigeier aus dem Ausland, insbesondere aus Polen.
Die Debatte über günstige Importe aus Osteuropa betrifft somit auch Eier. Zugleich unterstreichen die Autorinnen und Autoren der Untersuchung, keine Eier aus der Ukraine entdeckt zu haben – ein heikler Punkt vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs und der Diskussion über Agrarimporte.
Käfigeier im Supermarkt verlässlich erkennen
Wer Käfighaltung vermeiden will, muss sich nicht auf Werbeaussagen verlassen. Der verlässlichste Hinweis befindet sich direkt auf dem Ei und nicht nur auf der Verpackung. Jedes Ei trägt einen Stempel mit einer Ziffer von 0 bis 3.
Der Stempel auf der Eierschale und seine Bedeutung
- 0 – Bio: Die Hennen werden nach ökologischen Vorgaben gehalten, haben Zugang ins Freie und bekommen Bio-Futter.
- 1 – Freilandhaltung: Die Hennen können ins Freie, die Stallplätze sind jedoch stärker begrenzt als in der Biohaltung.
- 2 – Bodenhaltung: Die Tiere bewegen sich frei im Stall, haben aber keinen Zugang nach draussen.
- 3 – Käfighaltung: Die Hennen verbringen ihr Leben in Käfigen oder Kleingruppensystemen.
Wer Code 3 meidet, vermeidet Käfighaltung – unabhängig vom Marketing auf der Verpackung.
Dieser Code ist innerhalb der EU einheitlich geregelt. Daher kann er auch beim Einkauf im Urlaub oder in Grenzregionen als Orientierung dienen. Praktisch heisst das: Packung öffnen, ein Ei herausnehmen, den Stempel prüfen und bei Bedarf eine andere Packung auswählen.
Der blinde Fleck: Verarbeitete Eier in Kuchen, Pasta und Fertiggerichten
Ein Aspekt, der im Alltag leicht übersehen wird: Rund 35 % der in Frankreich verzehrten Eier werden nicht als Schaleneier gekauft, sondern als sogenannte „Ovoprodukte“ in anderen Lebensmitteln verarbeitet. Dazu gehören beispielsweise:
- industriell hergestellte Kuchen und Kekse
- frische sowie getrocknete Pasta
- Fertiggerichte und Tiefkühlprodukte
- Mayonnaise und manche Sossen
Bei diesen Produkten ist die Haltungsform oft nicht unmittelbar ersichtlich. In der Zutatenliste findet sich dann häufig lediglich „Ei“, „Vollei“ oder „Eipulver“. Gerade in diesem Bereich werden bis heute viele Käfigeier eingesetzt, weil sie für die Industrie kostengünstiger sind.
Wer den eigenen Konsum tierfreundlicher gestalten möchte, kann genau hier ansetzen: weniger stark verarbeitete Lebensmittel kaufen, öfter selbst backen oder Marken wählen, die ausdrücklich auf Käfigeier verzichten und dies transparent ausweisen.
Streit um Zahlen: Handel gegen Tierschutzorganisationen
Der Konflikt spielt sich nicht nur im Regal ab. Mehrere Handelsketten zweifeln die Methode der Untersuchung offen an. Carrefour weist die Ergebnisse etwa klar zurück und kritisiert die Auswertung von Anima.
Handelsketten und Tierschutzorganisationen liefern sich einen Streit um Zählweisen, Stichproben und Definitionen – während die Kundschaft vor vollen Regalen steht.
Parallel dazu finden weitere Kontrollen statt: Die französische Verbraucherschutzbehörde DGCCRF überprüft, ob Kennzeichnungen korrekt sind und ob Produktversprechen mit der Realität übereinstimmen. Dazu kommt die nationale Gesetzgebung zum sogenannten EGAlim-Gesetz, das auf mehr Fairness im Agrarsektor abzielt.
Europa erhöht den Druck: End the Cage Age und neue Gesetze
Die Debatte über Käfigeier beschränkt sich längst nicht mehr auf Frankreich. Auf EU-Ebene erzeugt die Bürgerinitiative „End the Cage Age“ politischen Druck. Sie verlangt ein Ende der Käfighaltung für zahlreiche Nutztiere in ganz Europa.
Die EU-Kommission erarbeitet Gesetzesvorschläge, die unter anderem die Haltung von Legehennen betreffen. Je nachdem, wie streng diese Bestimmungen ausfallen, werden Supermärkte und Produzenten ihre Systeme in den nächsten Jahren umfassend umstellen müssen. Viele Betriebe stehen dabei vor Investitionsentscheidungen, die sie für Jahrzehnte festlegen.
Was Käfighaltung in der Praxis bedeutet
Der Ausdruck „Käfighaltung“ klingt abstrakt, beschreibt für Millionen Tiere jedoch einen sehr körperlichen Alltag. Hennen leben in engen Metallkonstruktionen und verfügen oft nur über wenige Quadratdezimeter Platz je Tier. Modernisierte „Kleingruppenkäfige“ bieten zwar Sitzstangen und Legenester, der Bewegungsraum bleibt dennoch eingeschränkt.
Der Wechsel zu Boden- oder Freilandhaltung beantwortet nicht jede Tierwohlfrage, verringert aber bestimmte Belastungen deutlich: mehr Bewegung, mehr Rückzugsmöglichkeiten und teilweise Zugang ins Freie. Gleichzeitig nehmen Krankheitsrisiken und Produktionskosten zu, was die Planung von Ställen schwieriger macht.
Praktische Strategien für Konsumentinnen und Konsumenten
Wer im Alltag konsequent auf Käfigeier verzichten will, kann in drei Schritten vorgehen:
- Im Supermarkt stets den Code auf der Schale kontrollieren und Packungen mit „3“ konsequent nicht kaufen.
- Bei verarbeiteten Produkten Marken bevorzugen, die klar „ohne Käfigeier“ oder „Eier aus Freiland/Bio“ anführen.
- Den eigenen Eierkonsum grundsätzlich hinterfragen: Muss es jeden Tag Ei sein, oder genügt es seltener, dafür in höherer Qualität?
Ein realistisches Beispiel: Wer bisher vor allem günstige Kuchen, Fertigpizza und Nudeln vom Diskonter kauft, nimmt in vielen Fällen indirekt Käfigeier zu sich – selbst wenn im Eierregal ausschliesslich Code 0 oder 1 im Einkaufskorb landet. Bereits kleine Veränderungen beim Einkauf beeinflussen daher die Nachfrage in der Lieferkette.
Risiken und Chancen für Handel und Landwirtschaft
Für Supermärkte bleibt das Thema sensibel. Wer Käfigeier zu früh vollständig auslistet, riskiert leere Regale oder deutliche Preisanstiege. Wer zu spät handelt, kann bei einer wachsenden Gruppe bewusst einkaufender Kundinnen und Kunden sein Image beschädigen.
Für Landwirtinnen und Landwirte ist die Umstellung mit hohen Ausgaben verbunden. Neue Ställe, eine andere Fütterung und strengere Kontrollen rechnen sich nur, wenn die Betriebe über Jahre hinweg faire Preise erhalten. Gelangen Importprodukte aus Ländern mit niedrigeren Standards zu günstig auf den Markt, gerät dieses Modell ins Wanken.
Gleichzeitig entstehen neue Möglichkeiten: Hochwertigere Eier, regionale Marken und transparente Haltungsformen können besser vermarktet werden. Wer früh auf Freiland- oder Biohaltung umstellt und zuverlässig liefert, kann langfristige Vereinbarungen mit Handelsketten schliessen und sich stärker von kurzfristigen Preisschwankungen unabhängig machen.






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