Zum Inhalt springen
Nachrichten

Sport-Snacks: Brauchst du sie wirklich bei kurzen Trainingseinheiten?

Frau in Sportkleidung isst Banane auf Trainingsbank im Fitnessstudio, im Hintergrund trainierende Personen.
In diesem Artikel
  1. Das neue Ritual rund um Sport-Snacks
  2. Essen bei Trainingseinheiten unter 90 Minuten
  3. Auf den Körper hören statt auf die Verpackung
  4. Über 90 Minuten: Wann sich die Strategie wirklich verändert
  5. Weitere Aspekte zum Nachdenken

Proteinriegel im Büro, Gels in der Sporttasche, Shakes in der Mittagspause: Sport-Snacks scheinen heute allgegenwärtig zu sein.

Viele Freizeitläuferinnen und Freizeitläufer sowie Fitnessstudiobesucherinnen und -besucher haben beinahe ein schlechtes Gewissen, wenn sie ohne Riegel oder Getränk trainieren. Marken vermitteln immer wieder, dass „Treibstoff“ Leistung bedeute – selbst bei einer kurzen Trainingseinheit. Für die meisten Menschen, die weniger als 90 Minuten aktiv sind, funktioniert der Körper jedoch ganz anders, als es die Werbeslogans nahelegen.

Das neue Ritual rund um Sport-Snacks

Wer durch einen beliebigen Supermarkt in Österreich, Grossbritannien oder den USA geht, sieht dasselbe Bild: Regale voller „Energie“-Riegel, „Leistungs“-Cookies, Proteinmuffins, Vitamingummis und grell gefärbter Getränke. Was früher ein Nischenangebot für Marathonläuferinnen und Marathonläufer war, ist zu einer eigenen Lifestyle-Abteilung geworden.

Freizeitsportlerinnen und Freizeitsportler kaufen solche Produkte inzwischen für einen 45-minütigen Spinningkurs oder ein kurzes Krafttraining nach der Arbeit. Viele haben vorsorglich einen Riegel in der Tasche, als könnte das Auslassen von Essen vor oder nach jedem Training die Ergebnisse zunichtemachen.

Die verbreitete Annahme: Jedes Training braucht einen speziellen Snack, sonst geht dem Körper der „Treibstoff“ aus.

Forschende im Bereich Sporternährung sagen, dass diese Annahme nur selten dazu passt, wie der Körper seinen Energiehaushalt tatsächlich steuert. Bei den meisten gesunden Erwachsenen reichen die vorhandenen Energiereserven für moderate Bewegung von weniger als eineinhalb Stunden problemlos aus.

Was die Physiologie bei kurzen Trainingseinheiten tatsächlich zeigt

Während eines üblichen 45- bis 60-minütigen Laufs, Zirkeltrainings oder Indoor-Cycling-Kurses greifen die Muskeln vor allem auf zwei Energiequellen zurück:

  • bereits im Blut zirkulierende Glukose
  • in Muskeln und Leber gespeichertes Glykogen

Diese Reserven stammen aus Mahlzeiten der vergangenen Stunden und Tage – nicht nur aus dem, was 10 Minuten vor dem Training gegessen wird. Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler untersuchen regelmässig Athletinnen und Athleten, die für kurze Einheiten nüchtern oder nach einer leichten Mahlzeit trainieren. Dramatische Energieeinbrüche zeigen sich dabei nicht, solange die Ernährung insgesamt ausgewogen bleibt.

Nur wenige Umstände verändern diese Lage: sehr kalorienarme Diäten, lange Fastenphasen, bestimmte Erkrankungen oder intensive Trainingstage direkt hintereinander. Im Alltag bewältigt der menschliche Körper eine Belastung von 30 bis 90 Minuten meist ohne grosse Schwierigkeiten.

Tatsächlicher Nutzen oder geschickte Verpackung

Das bedeutet nicht, dass Sport-Snacks grundsätzlich nutzlos sind. Ihr Einsatzbereich ist lediglich deutlich enger, als die Verpackungen vermuten lassen. Bei kurzen Einheiten wird die zusätzliche Energie aus Riegeln und Gels oft eher zu überschüssigen Kalorien als zu besserer Leistung.

Für viele Freizeitsportlerinnen und Freizeitsportler verbessern Sport-Snacks vor allem die Umsatzzahlen der Marken – nicht die Zeiten über 5K.

Trainerinnen und Trainer beobachten bei ihren Kundinnen und Kunden immer wieder dasselbe Muster:

  • schleichende Gewichtszunahme trotz regelmässigem Training
  • ein aufgeblähtes oder schweres Gefühl während des Trainings
  • Frust, weil „wie ein Athlet essen“ nicht die erwarteten Fortschritte bringt

In diesem Zusammenhang ist nicht ein einzelner Riegel oder ein Getränk das Problem. Problematisch ist der Automatismus: Training bedeutet Snack, unabhängig von Dauer, Intensität oder den vorherigen Mahlzeiten.

Essen bei Trainingseinheiten unter 90 Minuten

Die Sport-Snack-Abteilung zu meiden, heisst nicht, mit leerem Tank zu trainieren. Ein einfacher Ernährungsrhythmus, mit etwas Bedacht auf den Zeitpunkt abgestimmt, versorgt kurze bis moderate Trainingseinheiten normalerweise sehr gut.

Alltägliche Mahlzeiten passend zur Bewegung planen

Ernährungsberaterinnen und Ernährungsberater, die mit Freizeitsportlerinnen und Freizeitsportlern arbeiten, empfehlen häufig eine Grundstruktur wie diese:

  • Training am Morgen: ein vollwertiges Frühstück 60–90 Minuten davor, etwa Vollkorntoast, Obst, Joghurt oder Eier sowie eine Handvoll Nüsse
  • Training zu Mittag: ein leichtes, ausgewogenes Frühstück und ein etwas früheres, moderates Mittagessen – oder einen Vormittagssnack, wenn das Mittagessen später stattfindet
  • Training am Abend: ein normales Mittagessen und einen kleinen Nachmittagssnack 1–2 Stunden vor dem Fitnessstudio

Während des Trainings genügt bei moderaten Bedingungen bis zu einer Stunde meist stilles Wasser, um den Flüssigkeitsbedarf zu decken. Aromatisierte Sportgetränke sind vor allem bei langen, schweisstreibenden oder sehr intensiven Einheiten sinnvoll, wenn die Verluste an Kohlenhydraten und Elektrolyten steigen.

Für die meisten Trainingseinheiten nach der Arbeit sind Wasser und ein vernünftiges Mittagessen die bessere Kombination als ein zuckerhaltiges „Leistungs“-Getränk.

Wann Sport-Snacks tatsächlich sinnvoll sind

Sportprodukte wurden ursprünglich für Situationen entwickelt, in denen Timing, praktische Handhabung und Verträglichkeit im Magen-Darm-Bereich wirklich entscheidend sind. Ihr Zweck wird deutlicher, wenn man konkrete Anwendungen statt Werbeversprechen betrachtet.

Situation Sind Sport-Snacks sinnvoll? Warum
45-minütige lockere Trainingseinheit im Fitnessstudio Selten Die vorhandenen Glykogenspeicher reichen für die Belastung aus
Langer Lauf von mehr als 90 Minuten Häufig ja Kohlenhydratzufuhr verzögert Ermüdung und den „Einbruch“
Zwei intensive Einheiten am selben Tag Manchmal Schnell verdauliche Kohlenhydrate und Protein helfen, die Reserven zwischen den Belastungen aufzufüllen
Sehr schlanke Athletinnen und Athleten mit hohem Trainingsumfang Manchmal Einfach verfügbare Kalorien helfen, den hohen Energiebedarf zu decken
Lockerer Lauf nach einem normalen Mittagessen Nein Ein zusätzlicher Snack liefert Kalorien ohne echten Nutzen

Diese kurze Liste steht im Kontrast dazu, wie Marken ihre Produkte darstellen: als tägliche Begleiter für alle, die bloss Sportschuhe anziehen oder ihre Mitgliedskarte im Fitnessstudio vorzeigen.

Häufige Fallen durch cleveres Marketing

Mehrere Mechanismen verleiten Konsumentinnen und Konsumenten zu unnötigen Snacks:

  • Botschaften, die Angst erzeugen: Warnungen vor Energie-„Einbrüchen“ bei nahezu jeder Belastung.
  • Gesundheitsimage: Begriffe wie „Protein“, „Fitness“ oder „natürlich“ verleihen hochverarbeiteten Produkten einen besonders positiven Anschein.
  • Nachahmung: Amateure kopieren, was sie bei Elite-Marathonläuferinnen und -läufern sehen, ohne Trainingsumfang und Wettkampfdauer einzuordnen.

Gerade der letzte Punkt ist wichtig. Eine professionelle Triathletin oder ein professioneller Triathlet mit 25 Trainingsstunden pro Woche hat ein völlig anderes Verhältnis zum Essen als jemand, der drei 45-minütige Kurse besucht. Die Ausrüstung kann ähnlich aussehen, der Bedarf ist es nicht.

Auf den Körper hören statt auf die Verpackung

Fachleute für Sporternährung vermitteln heute eine etwas unmodische Botschaft: Erst in sich hineinhören, bevor der nächste Riegel ausgepackt wird. Der Körper liefert oft genügend Hinweise, wenn man sich einen kurzen Moment dafür nimmt.

Hinweise darauf, dass der Riegel vielleicht nicht nötig ist

Bevor sie zu einem Gel oder Snack greifen, sollen sich Kundinnen und Kunden nach Ansicht mancher Trainerinnen und Trainer zwei kurze Fragen stellen:

  • Wann habe ich zuletzt eine richtige Mahlzeit mit Kohlenhydraten, Protein und etwas Fett gegessen?
  • Wie lange und wie intensiv wird diese Einheit tatsächlich?

Lautet die Antwort „Ich habe vor zwei Stunden normal zu Mittag gegessen“ und „Ich mache ein 40-minütiges Krafttraining“, hat der Körper wahrscheinlich genug Energie verfügbar. Das Gefühl, wegen des Trainings essen zu müssen, beruht oft eher auf Gewohnheit oder Sorge als auf tatsächlich niedrigem Blutzucker.

Eine echte Hypoglykämie fühlt sich heftig an: Zittern, kalter Schweiss, Schwindel, plötzliche Schwäche. Leichte Langeweile oder Lust auf Süsses ist etwas anderes.

Diese Unterscheidung im Kopf zu behalten, hilft dabei, die Verbindung zwischen jeder Art von Bewegung und automatischem Snacken zu lösen.

Einfache Alternativen aus echten Lebensmitteln

Für Menschen, die gelegentlich doch eine Kleinigkeit vor dem Training brauchen, empfehlen Ernährungsberaterinnen und Ernährungsberater häufig einfache Lebensmittel, die das Verdauungssystem bereits gut kennt. Dazu zählen etwa:

  • eine Banane, die leicht verwertbare Kohlenhydrate und Kalium liefert
  • eine Scheibe Vollkornbrot mit einer dünnen Schicht Frischkäse oder Nussmus
  • ein kleiner Becher Naturjoghurt mit einem Löffel Haferflocken oder Beeren
  • eine Handvoll Trockenfrüchte wie Rosinen oder Datteln für Läuferinnen und Läufer, die etwas besonders Kompaktes bevorzugen

Diese Möglichkeiten liefern Energie, ohne die langen Zutatenlisten und zusätzlichen Süssungsmittel vieler „Fitness“-Produkte mitzubringen. Ausserdem helfen sie dabei, die gesamte Ernährung näher an gewöhnlichem Essen zu halten statt an einem dauerhaften Ergänzungsregime.

Über 90 Minuten: Wann sich die Strategie wirklich verändert

Anders sieht es aus, wenn Belastungen regelmässig länger als eineinhalb Stunden dauern. Dann begrenzen die Verfügbarkeit von Kohlenhydraten und der Magenkomfort die Leistung stärker. Bei langen Läufen, Radausfahrten oder ausgedehnten Wanderungen kann ein Plan für Energie, Flüssigkeit und Elektrolyte tatsächlich darüber entscheiden, ob die Einheit gelingt oder scheitert.

Hier können Spezialprodukte ihren Platz haben: Sie liefern schnell verfügbare Kohlenhydrate in geringer Menge und sollen den Magen möglichst wenig belasten. Läuferinnen und Läufer, die für Halbmarathons oder Marathons trainieren, probieren häufig Gels, Getränke und Kaubonbons aus, um herauszufinden, was am Wettkampftag funktioniert. In diesem Kontext ist ein technisch geprägterer Ansatz gerechtfertigt.

Für Menschen, die im Alltag ins Fitnessstudio gehen, hilft diese Unterscheidung dabei, den Werbelärm auszublenden. Kurze Einheiten verlangen nach regelmässigen Mahlzeiten und Wasser. Lange Belastungen, insbesondere mit höherer Intensität, können eine berechnete Zufuhr von Kohlenhydraten und manchmal Natrium erfordern. Werden beide Situationen vermischt, entstehen Verwirrung und unnötiges Snacken.

Weitere Aspekte zum Nachdenken

Ein wenig beachtetes Thema ist die Gewohnheitsbildung. Wenn jedes Training zum Anlass für einen süssen Riegel wird, kann sich die Verbindung zwischen Bewegung und Dessert verfestigen. Über Monate kann dieses Muster die gesamte Kalorienbilanz so stark verschieben, dass Ziele wie Gewichtsabnahme oder stärker sichtbare Muskulatur ins Stocken geraten – auch wenn der Snack auf der Verpackung „gesund“ wirkt.

Ein weiterer Punkt betrifft jüngere Athletinnen und Athleten. Jugendliche, die in Vereinen trainieren, übernehmen den Konsum von Sport-Snacks bei Erwachsenen oft, ohne Menge, Zeitpunkt oder Notwendigkeit zu verstehen. Trainerinnen, Trainer sowie Eltern können von Beginn an ein gesünderes Verhältnis zu Essen und Leistung fördern, wenn sie diese Produkte als seltene Hilfsmittel und nicht als routinemässige Belohnung darstellen.

Wer das Ritual eines Snacks nach dem Fitnessstudio trotzdem mag, kann einen praktischen Mittelweg wählen und ihn wie jeden anderen Snack behandeln: in die tägliche Energiezufuhr einplanen, das Etikett auf Zucker und hochverarbeitete Zutaten prüfen und überlegen, ob nicht auch ein Stück Obst oder ein selbst gemachtes Sandwich denselben Zweck erfüllt. Schon diese kurze Pause verschiebt das Verhältnis weg von der Packung und zurück zu der Person, die trainiert.

Gerade beliebt

Mag. Lukas Hinteregger

Mag. Lukas Hinteregger ist Landschaftsarchitekt und Spezialist für nachhaltiges Bauen mit Holz sowie naturnahe Rückzugsorte im Grünen. Seit über zehn Jahren beschäftigt er sich mit Baumhäusern, ressourcenschonender Architektur und der Verbindung von Wohnkomfort und Waldökologie. Seine besondere Leidenschaft gilt individuell geplanten Treehäusern, die sich behutsam in die österreichische Landschaft einfügen.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen