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Pinot Noir: Mittelalterlicher Traubenkern verbindet 600 Jahre Weinbaugeschichte

Junger Archäologe untersucht Fundstücke mit Farbe und Tablet bei Ausgrabung im Freien.
In diesem Artikel
  1. Eine Latrine als Zeitkapsel der Weinkultur
  2. Pinot Noir: Eine Rebsorte mit tiefer Vergangenheit
  3. Von Wildreben zu hochwertigen Lagenweinen
  4. Römische Handelswege prägten Europas Weinbau
  5. Was der Fund für Pinot-Noir-Liebhaber bedeutet
  6. Wie die Paläogenomik historische Landwirtschaft erschliesst
  7. Was Winzer und Forschung daraus ableiten können

Archäologinnen, Archäologen und Genforscher haben in der Latrine eines mittelalterlichen Spitals alte Traubenkerne freigelegt. Einer davon schafft eine direkte Verbindung zwischen dem 15. Jahrhundert und den heutigen Pinot-Noir-Reben. Was zunächst wie eine kuriose Grabungsgeschichte wirkt, erweist sich für Weinbau, Landwirtschaft und Geschichte als wissenschaftlich höchst bedeutsam.

Eine Latrine als Zeitkapsel der Weinkultur

Entdeckt wurde der aussergewöhnliche Fund in Valenciennes im Norden Frankreichs. Im Mittelalter dienten die Latrinen von Spitälern nicht ausschliesslich als Toiletten, sondern zugleich als Ablage für Küchenreste und andere Abfälle des täglichen Lebens. Gerade diese unbeabsichtigte Deponierung bewahrte organisches Material, das unter anderen Bedingungen längst zerfallen wäre.

In dem feuchten und sauerstoffarmen Milieu blieben 54 Traubenkerne bemerkenswert gut erhalten. Sie datieren aus sehr unterschiedlichen Zeitabschnitten, von der Bronzezeit um etwa 2300 vor Christus bis zum 15. Jahrhundert. Besonders auffällig war ein Kern aus dem späten Mittelalter: Sein Erbgut stimmt nahezu vollständig mit jenem des Pinot Noir überein, der heute in Weingärten weltweit kultiviert wird.

Die Analyse zeigt: Pinot Noir von heute und die Traube aus der Latrine gehören zum selben genetischen Stamm – seit über 600 Jahren.

Die Studie erschien in der Fachzeitschrift „Nature Communications“. Daran beteiligt waren unter anderem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Montpellier und Toulouse, deren Schwerpunkte Evolutionsbiologie und Paläogenomik sind – also die Erforschung sehr alter DNA.

Pinot Noir: Eine Rebsorte mit tiefer Vergangenheit

Pinot Noir zählt heute zu den renommiertesten, aber auch anspruchsvollsten Rotweinsorten der Welt. Besonders Burgund, ebenso aber Teile Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, werden häufig mit dieser Rebe verbunden. Ihre lange historische Verankerung war zwar bekannt, nun gibt es dafür jedoch erstmals einen eindeutigen genetischen Beleg.

Das Forschungsteam konnte nachweisen, dass der mittelalterliche Kern nicht bloss von einer ähnlichen dunklen Traube stammt. Er gehört vielmehr demselben Rebstamm an, der noch heute in zahlreichen Weingärten wächst. Die Sorte wurde also über Jahrhunderte nicht immer wieder zufällig neu gezüchtet, sondern gezielt und fortlaufend durch Stecklinge weitervermehrt.

Was klonale Vermehrung bei Reben heisst

Weinreben können entweder aus Kernen oder über Ableger beziehungsweise Stecklinge vermehrt werden. Pflanzen aus Kernen unterscheiden sich genetisch neu voneinander, weshalb Geschmack, Ertrag und Widerstandskraft nicht verlässlich vorhersehbar sind. Ein Steckling hingegen bildet im Wesentlichen eine Kopie des ursprünglichen Rebstocks.

  • Vermehrung über Kerne: genetisch neue Pflanzen, unberechenbare Qualität
  • Vermehrung über Stecklinge: nahezu identische Kopien einer bewährten Rebe
  • Ziel der Winzer: Geschmack und Qualität dauerhaft sichern

Die Untersuchung zeigt, dass Winzer in Westeuropa diese klonale Vermehrung von Reben seit mindestens 600 Jahren gezielt anwenden. Hinweise darauf reichen sogar bis in die Eisenzeit zurück, also etwa in die Zeit zwischen 625 und 500 vor Christus. Schriftliche Quellen hatten dies bereits nahegelegt, die DNA liefert nun den klaren Beweis.

Von Wildreben zu hochwertigen Lagenweinen

Die genetische Einordnung der Traubenreste verdeutlicht, wie sich der Weinbau über Jahrtausende wandelte. Die ältesten analysierten Kerne gehen auf wilde Reben aus der Gegend um Nîmes zurück und stammen ungefähr aus dem Jahr 2000 vor Christus. Zu jener Zeit nutzten die Menschen vor allem Pflanzen, die in ihrer Umgebung natürlich vorkamen.

Erst später begannen sie, ausgewählte Pflanzen bewusst zu pflegen. Die ersten domestizierten Reben im Gebiet der heutigen Region Var in Südfrankreich erscheinen vor etwas mehr als 2500 Jahren. Das fällt zeitlich mit der Ankunft griechischer Siedler sowie der Gründung von Marseille zusammen. Sie brachten nicht nur Tonamphoren und neue Handelsverbindungen mit, sondern auch konkretes Wissen über Weinbau und Kellertechnik.

Was wir heute im Glas haben, ist das Ergebnis von Jahrtausenden selektiver Auswahl, Kreuzung und bewusster Pflege einzelner Rebstöcke.

Im Lauf der Jahrhunderte entwickelte sich daraus ein fein abgestimmtes Vorgehen: Winzer wählten Reben mit besonders aromatischen, widerstandsfähigen oder ertragreichen Merkmalen aus und „kopierten“ sie wiederholt. Auf diese Weise blieb der Pinot-Noir-Stamm über viele Jahrhunderte nahezu unverändert – eine bemerkenswerte Beständigkeit im Vergleich mit zahlreichen anderen Kulturpflanzen.

Römische Handelswege prägten Europas Weinbau

Ein weiterer Abschnitt der Studie befasst sich mit der römischen Zeit. Damals breitete sich der Weinbau im Norden Galliens, dem Gebiet des heutigen Frankreichs, deutlich aus. Die DNA jener Kerne weist auf einen regen Austausch zwischen verschiedenen Regionen hin.

Die Forschenden fanden Anzeichen dafür, dass Reben aus Spanien, vom Balkan, aus dem Kaukasus und aus dem Nahen Osten nach Nordwesteuropa gelangten. Händler, Legionäre und Siedler brachten sowohl Pflanzenmaterial als auch Wissen mit. Dort trafen Reben aus fernen Gegenden auf heimische Wildpflanzen, woraufhin es zu intensiven Kreuzungen kam.

Diese genetische Vermischung vergrösserte die Vielfalt der Reben erheblich. Sie erhöhte ihre Widerstandskraft gegenüber Klimaschwankungen und Krankheiten und schuf damit eine Grundlage für Europas späteren Reichtum an Weinstilen. Auch für Frankreichs heutige führende Rolle in der Weinwelt war diese Durchmischung ein entscheidender Moment.

Amphoren als unauffällige Zeugen des Weinhandels

Archäologische Entdeckungen stützen diese Erkenntnisse. An zahlreichen Mittelmeerküsten legen Grabungsteams grosse Mengen an Amphoren frei – bauchige Tongefässe, die Händler für den Transport von Wein und Öl verwendeten. Anhand ihrer Form lässt sich oft feststellen, aus welcher Region sie kamen. Damit zeichnen sie frühere Handelsrouten nach, ähnlich einem Logistiknetz der Antike.

Zusammen mit der nun untersuchten DNA wird deutlich: Handel bedeutete nicht bloss den Transport von Waren, sondern auch einen kontinuierlichen Austausch von Rebstöcken und Anbaumethoden. Der heutige Wein ist somit das direkte Ergebnis einer langen Phase grenzüberschreitender Zusammenarbeit – lange bevor der Begriff Globalisierung existierte.

Was der Fund für Pinot-Noir-Liebhaber bedeutet

Für Liebhaberinnen und Liebhaber von Pinot Noir enthält der Latrinenfund eine reizvolle Botschaft: Wer heute ein Glas aus Burgund, der Pfalz oder dem Ahrtal geniesst, hat sehr wahrscheinlich Wein von einer Rebe im Glas, die mit den Trauben des 15. Jahrhunderts eng verwandt ist. Eine derart direkte Verbindung über Jahrhunderte hinweg ist in der Landwirtschaft selten.

Auch kulturell hat der Fund besondere Anziehungskraft. Die mittelalterliche Kernprobe stammt aus der Zeit kurz nach dem Ende des Hundertjährigen Krieges und damit aus jener Epoche, in der Jeanne d’Arc lebte. Ein an der Studie beteiligter Forscher brachte es zugespitzt auf den Punkt: Es sei durchaus möglich, dass Menschen damals sehr ähnliche Trauben assen oder tranken wie wir heute.

  • Ort des Fundes: Krankenhaus-Latrine in Valenciennes
  • Alter des Schlüsselkerns: rund 600 Jahre
  • Sorte: genetisch nahezu identischer Pinot Noir
  • Besonderheit: direkte genetische Linie bis in moderne Weinberge

Wie die Paläogenomik historische Landwirtschaft erschliesst

Für die Studie kamen Methoden der Paläogenomik zum Einsatz. Dabei gewinnen Forschende kleinste DNA-Reste aus stark gealterten Materialien wie Knochen, Pflanzensamen oder Holz. Mit speziellen Labormethoden lassen sich diese Bruchstücke des Erbguts wieder zusammensetzen und mit modernen Datenbanken abgleichen.

Dadurch können Fragen geklärt werden, die frühe Historikerinnen und Historiker nur vermuten konnten: Welche Sorten bauten Bauern tatsächlich an? Wann erschienen bestimmte Kulturpflanzen erstmals in einer Region? Und wie stark griff der Mensch bereits durch gezielte Selektion in die Natur ein?

Für den Weinbau entsteht auf diese Weise eine Art genetische Zeitleiste. Sie macht nicht nur sichtbar, wann Menschen begannen, Reben anzubauen, sondern auch, in welchen Epochen sie besonders intensiv experimentierten oder bewährte Linien festigten.

Was Winzer und Forschung daraus ableiten können

Für heutige Weingüter kann dieser Blick in die Vergangenheit auch praktische Bedeutung haben. Das Wissen darüber, wie stabil einzelne Rebstämme über Jahrhunderte blieben, erlaubt eine bessere Einschätzung, wie sie möglicherweise auf Klimaveränderungen reagieren. Manche sehr alten Linien könnten Eigenschaften besitzen, die bei Hitze und Trockenperioden wertvoll sind.

Die Forschung spricht zudem dafür, alte Sorten wieder stärker zu berücksichtigen. In vielen Regionen wurden zahlreiche lokale Varianten von wenigen global erfolgreichen Reben verdrängt. Archäogenetik kann helfen, diese Vielfalt wieder sichtbar zu machen, etwa durch den Vergleich historischer Samenfunde mit alten Beschreibungen aus Klosterarchiven.

Für interessierte Laien lohnt sich ein aufmerksamer Blick auf die Etiketten. Bezeichnungen wie „alte Reben“ oder „historische Lage“ erhalten vor dem Hintergrund solcher Studien eine konkrete Bedeutung. Sie beziehen sich nicht nur auf das Alter der Rebstöcke, sondern auf ganze Wissensketten, die sich über viele Winzergenerationen erstrecken.

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Mag. Lukas Hinteregger

Mag. Lukas Hinteregger ist Landschaftsarchitekt und Spezialist für nachhaltiges Bauen mit Holz sowie naturnahe Rückzugsorte im Grünen. Seit über zehn Jahren beschäftigt er sich mit Baumhäusern, ressourcenschonender Architektur und der Verbindung von Wohnkomfort und Waldökologie. Seine besondere Leidenschaft gilt individuell geplanten Treehäusern, die sich behutsam in die österreichische Landschaft einfügen.

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