Menschen, deren Ringfinger länger ist als ihr Zeigefinger, trinken einer neuen Untersuchung zufolge tendenziell mehr Alkohol. Woran könnte das liegen?
Die Erklärung hängt mit unserem Wissen über Geschlechtsunterschiede zusammen. Manche dieser Unterschiede werden durch gesellschaftliche Einflüsse geprägt, andere gehen auf unsere Biologie zurück.
Bei der konsumierten Alkoholmenge bestehen deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen: Männer trinken wesentlich mehr. Eine mögliche Ursache dafür – ebenso wie für viele weitere Geschlechtsunterschiede – ist die Belastung mit Geschlechtshormonen wie Testosteron und Östrogen im Mutterleib.
Beim männlichen Fötus produzieren die Hoden Testosteron; zusätzlich gelangen geringere Mengen aus dem Blutkreislauf der Mutter sowohl zu männlichen als auch zu weiblichen Föten.
Gleichzeitig erreicht auch das Östrogen der Mutter Föten beider Geschlechter. Daher sind männliche Föten vor der Geburt einem höheren Testosteronspiegel im Verhältnis zu Östrogen ausgesetzt als weibliche.
Testosteron bewirkt beim Fötus sogenannte „organisatorische“ Veränderungen im Gehirn und in anderen Organen. Bei Buben werden diese Veränderungen durch einen Testosteronschub in der Pubertät weiter aktiviert.
Fingerlänge, 2D:4D und Hormone vor der Geburt
Es wird angenommen, dass sich das Verhältnis zwischen Testosteron und Östrogen in den relativen Längen von Zeige- und Ringfinger widerspiegelt – also dem zweiten und vierten Finger beziehungsweise 2D:4D.
Das Fingerverhältnis, auch 2D:4D genannt, gilt demnach als Hinweis auf die Belastung mit Geschlechtshormonen im Mutterleib: Ein langer vierter Finger deutet auf viel Testosteron und wenig Östrogen hin.
Vergleiche zahlreicher Arten mit fünfgliedrigen Extremitäten zeigen, dass Geschlechtsunterschiede beim Fingerverhältnis weit verbreitet sind.
In Tierversuchen führte die Gabe von Testosteron während des Fötalstadiums bei Mäusen, Ratten und Affen zu Nachkommen mit der männlichen Ausprägung des Fingerverhältnisses. Solche Versuche wären bei Menschen ethisch nicht vertretbar, weshalb die Frage weiterhin umstritten ist.
Im Vergleich zu Frauen weisen Männer einen höheren Alkoholkonsum auf und sterben häufiger infolge von Alkoholmissbrauch. Könnten diese Unterschiede bereits beim Fötus durch „organisatorische“ Veränderungen unter dem Einfluss von Testosteron und Östrogen entstehen?
Meine Kolleginnen, Kollegen und ich haben diese Frage untersucht, indem wir Fingerverhältnisse mit Alkoholkonsummustern in Beziehung setzten.
Trinkgewohnheiten
An der Studie nahmen Studierende der Medizinischen Universität Łódź in Polen teil. Alkoholmissbrauch entwickelt sich in Polen zunehmend zu einer Todesursache.
Seit Beginn des Jahrzehnts stieg die jährliche Zahl der Fälle von 4.6 auf 7.0 je 100.000. Männer sterben zudem neunmal häufiger als Frauen an alkoholbedingten Ursachen.
Unsere Untersuchung umfasste 169 Frauen und 89 Männer. Sie absolvierten den Test zur Identifikation von Alkoholgebrauchsstörungen (Audit), der Fragen zu den Trinkgewohnheiten stellt.
Teilnehmende mit im Verhältnis zum Zeigefinger langen Ringfingern gaben höhere Audit-Werte und einen höheren wöchentlichen Alkoholkonsum an. Dieser Zusammenhang zeigte sich bei Männern und Frauen, fiel bei Männern jedoch stärker aus.
Mehrere Studien haben inzwischen einen Zusammenhang zwischen langen Ringfingern im Verhältnis zu Zeigefingern und Alkoholkonsum festgestellt. In einer grossen webbasierten Befragung, bei der die Befragten ihre Fingerlängen selbst maßen, sagten sowohl nationale Durchschnittswerte als auch individuelle Werte des Fingerverhältnisses den Alkoholkonsum voraus.
Untersuchungen in Europa und Asien ergaben, dass alkoholabhängige Patientinnen und Patienten im Verhältnis zum Zeigefinger sehr lange Ringfinger haben. Unsere Daten bestätigen diese Ergebnisse und übertragen sie auf Menschen ohne Alkoholabhängigkeit.
Was ein langer Ringfinger bedeuten kann
Analysen des Fingerverhältnisses eröffnen einen Einblick in unsere sehr frühe Entwicklung. Positiv betrachtet wird ein längerer Ringfinger im Vergleich zum Zeigefinger mit einem gesunden Herzen sowie hoher Leistungsfähigkeit im Langstreckenlauf, Fußball, Rugby, Basketball, Skifahren und Surfen verbunden.
Andererseits steht er in Zusammenhang mit Autismus, ADHS, Internetsucht und Prostatakrebs.
Der Zusammenhang zwischen der relativen Länge des zweiten und vierten Fingers und dem Alkoholkonsum ist ein weiteres Puzzleteil. Er unterstreicht den starken Einfluss pränataler Geschlechtshormone auf unser Verhalten und unsere Physiologie.
John Manning, Professor für Sport- und Bewegungswissenschaft, Swansea University
Dieser Artikel wird unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.






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