Wo einst menschliche Ausscheidungen entsorgt wurden, erschliessen Forschende heute ein genetisches Archiv. In einer mittelalterlichen Abortgrube untersuchten sie Traubenkerne – mit einem bemerkenswerten Ergebnis: Pinot Noir, eine der heute beliebtesten Rotweinsorten, lässt sich ohne nennenswerte Unterbrechung direkt bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen.
Ein Klo als Zeitkapsel: Was die Forscher wirklich fanden
Der aussergewöhnliche Fund stammt aus Valenciennes in Nordfrankreich. Archäologen nahmen dort die Reste eines mittelalterlichen Hospitals unter die Lupe. Die Toilettenanlagen erfüllten damals nicht bloss einen sanitären Zweck, sondern wurden zugleich als Gruben für Küchenreste und sonstige Haushaltsabfälle genutzt.
Das feuchte und geschützte Milieu bewahrte organische Überreste, die unter anderen Bedingungen längst zerfallen wären. Zu den geborgenen Objekten zählten 54 Traubenkerne. Datierungen und Genanalysen ordnen sie einer Zeitspanne von der Bronzezeit, ab etwa 2300 v. Chr., bis in das späte Mittelalter zu.
Die Genforscher zeigen: Ein 600 Jahre alter Traubenkern aus einem mittelalterlichen Klo entspricht genetisch nahezu exakt dem Pinot Noir, der heute in Weinbergen steht.
Von zentraler Bedeutung ist eine Probe aus dem 15. Jahrhundert. Ihr DNA-Profil stimmt erstaunlich genau mit jenem moderner Pinot-Noir-Reben überein. Für die Forschung ist dies ein selten eindeutiger Nachweis dafür, wie dauerhaft und konsequent eine Rebsorte über viele Jahrhunderte hinweg vermehrt wurde.
Was die Genanalyse über Pinot Noir verrät
Das Forschungsteam veröffentlichte seine Resultate im Fachmagazin „Nature Communications“ und verglich die historischen Kerne mit heutigen Rebsorten. Das Ergebnis ist klar: Der mittelalterliche Kern aus Valenciennes ist der Pinot-Noir-Linie eindeutig zuzuordnen.
Damit untermauern die Wissenschaftler eine lange gehegte Annahme von Historikern und Önologen: Pinot Noir ist nicht nur eine alte Sorte, sondern besitzt auch einen bemerkenswert beständigen genetischen Stammbaum.
- Alter der Probe: rund 600 Jahre
- Ort: Hospital-Latrine in Valenciennes (Nordfrankreich)
- Genetische Zuordnung: nahezu identisch zu modernem Pinot Noir
- Bedeutung: direkter Nachweis eines durchgehenden Reblinien-Verlaufs
Zugleich belegen die Daten, dass die gezielte Vermehrung von Reben durch Stecklinge – die sogenannte klonale Vermehrung – in Frankreich seit mindestens 600 Jahren praktiziert wird, vermutlich aber schon wesentlich länger.
Wie Winzer ihre Reben seit Jahrhunderten kopieren
Damit die Eigenschaften einer bestimmten Rebsorte erhalten bleiben, verwenden Winzer Stecklinge. Dazu schneiden sie Triebe von einer bestehenden Rebe ab und setzen diese erneut ein. Auf diese Weise entsteht keine neue genetische Kombination, sondern gewissermassen eine Kopie der ursprünglichen Pflanze.
Die DNA der mittelalterlichen Kerne zeigt: Schon vor Jahrhunderten arbeiteten Winzer mit hochkontrollierten Stecklingssystemen – ein frühes Präzisionshandwerk.
Die Studie findet Hinweise auf diese klonale Vermehrung nicht nur im Spätmittelalter, sondern bereits in der Eisenzeit, also etwa zwischen 625 und 500 v. Chr. Das spricht dafür, dass Weinbauern schon sehr früh erkannt hatten, wie sich besonders geeignete Rebstöcke gezielt vervielfältigen lassen.
Von wilden Reben zum Edelwein
Die genetische Geschichte führt noch weiter in die Vergangenheit. Besonders alte Proben aus der Gegend um Nîmes wurden auf ungefähr 2000 v. Chr. datiert. Sie gehen auf wilde Reben zurück, also auf Pflanzen, die noch nicht systematisch kultiviert wurden.
Erst mehr als 2.500 Jahre später erscheinen in Südfrankreich deutlich domestizierte Reben. Zeitlich fällt dies mit der Ankunft griechischer Siedler und der Gründung von Marseille zusammen. Mit ihnen verbreiteten sich Techniken, Gefässe sowie eine gesamte Trink- und Handelskultur im westlichen Mittelmeerraum.
Die grosse Wanderung der Reben im Römischen Reich
Das Team um den Paläogenetiker Ludovic Orlando zeigt zudem, dass die Weingärten im Norden Frankreichs zur Römerzeit stark von importierten Reben beeinflusst waren. Entlang der Handelsrouten gelangten Sorten aus verschiedenen Regionen nach Gallien.
DNA-Spuren in den antiken Kernen zeigen Verbindungen zu Reben aus:
- der Iberischen Halbinsel
- den Balkanländern
- dem Kaukasusraum
- dem Nahen Osten
Diese eingeführten Reben kreuzten sich mit lokalen Wildreben. Daraus entwickelte sich eine genetisch vielfältige Mischung, die langfristig den Grundstein für die grosse Vielfalt des europäischen Weinbaus legte.
Archäologische Belege, etwa die zahlreichen Amphoren in Mittelmeerhäfen, bestätigen das Bild eines regen Weinhandels. Offenbar wurden nicht nur fertige Weine transportiert, sondern auch Stecklinge, Samen und das Fachwissen der Winzer.
Pinot Noir heute: Weltstar mit mittelalterlicher DNA
Mittlerweile gehört Pinot Noir zu den weltweit am häufigsten angebauten Rotweinsorten. Besonders eng verbunden ist die Rebe mit Burgund, wo einige der teuersten und begehrtesten Weine der Welt entstehen.
Die Linie vom mittelalterlichen Kern aus Valenciennes bis zu heutigen Burgunder-Lagen macht deutlich: Pinot Noir ist kein Modephänomen, sondern ein langlebiges Kulturprodukt.
Die genetische Übereinstimmung über sechs Jahrhunderte hinweg ist in der Agrargeschichte ungewöhnlich. Zahlreiche Nutzpflanzen wurden in diesem Zeitraum stark umgezüchtet, gekreuzt oder vollständig verdrängt. Pinot Noir blieb sich dagegen erstaunlich treu – ein Indiz für gezielte Selektion und hohe Qualitätsansprüche im Weinbau.
Zeitgeschichtlicher Rahmen: Pinot zur Zeit von Jeanne d’Arc
Die Probe datiert in eine bewegte Epoche der französischen Geschichte: in die letzten Jahrzehnte des Hundertjährigen Kriegs, die Zeit Jeanne d’Arcs und politischer Umbrüche. Genau in dieser Phase gelangte der Traubenkern in die Latrine.
Die Forschenden formulieren es zugespitzt: Menschen im Frankreich des 15. Jahrhunderts könnten bereits sehr ähnliche Pinot-Trauben gegessen oder Pinot-Wein aus einem Becher getrunken haben wie wir heute. Es handelt sich um einen seltenen Fall kulinarischer Kontinuität.
Was die Studie für Weinliebhaber bedeutet
Für Weinfreunde eröffnet die Untersuchung eine faszinierende Perspektive: Wer heute ein Glas Pinot Noir aus Burgund, der Pfalz oder Baden trinkt, hält nicht nur ein Getränk in der Hand, sondern auch ein Stück Landwirtschaftsgeschichte. Das Aromenspektrum – von Kirschen und roten Beeren bis zu feinen Erdnoten – ist das Ergebnis eines langen und bewusst gelenkten Zuchtprozesses.
Gleichzeitig wird deutlich, wie verwundbar derartige Sorten sein können. Eine derart schmale genetische Basis kann Reben anfälliger für Krankheiten oder Klimastress machen. Viele Weinregionen erproben deshalb Kreuzungen, resistente Unterlagen und Anpassungen im Weingarten, um die Klassiker der Weinkarte für eine wärmere Zukunft zu bewahren.
Wie Paläogenomik den Weinbau von morgen beeinflusst
Die Untersuchung ist Teil des wachsenden Forschungsfelds der Paläogenomik, also der Analyse sehr alter DNA. Für den praktischen Weinbau kann das mehrere Auswirkungen haben:
- Besseres Verständnis alter Sorten: Welche Eigenschaften haben sich bewährt, welche gingen verloren?
- Zuchtziele schärfen: Alte Gene könnten helfen, Robustheit und Geschmack zu kombinieren.
- Herkünfte klären: Debatten um die Ursprünge bestimmter Rebsorten lassen sich genetisch präziser führen.
Um diese Möglichkeiten auszuschöpfen, benötigen Forschende Zugang zu historischen Quellen, alten Beschreibungen von Weingärten und archäologischem Material. Erst die Verbindung von Texten, Funden und Genanalysen ergibt ein halbwegs vollständiges Bild.
Für Konsumenten bleibt vor allem ein Gedanke: Hinter jeder Flasche steht nicht nur ein Jahrgang, sondern oft eine Geschichte über Jahrhunderte hinweg. Der kleine, unscheinbare Traubenkern aus einer mittelalterlichen Klo-Grube verdeutlicht das eindringlicher als kaum ein anderer Fund zuvor.






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